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Pro Bremgarten
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Rückblick auf die Hesse-Tage 2000


Nachklingend

Gut getroffen hat Fred Zaugg die Stimmung der Hesse-Veranstaltungen im Schloss Bremgarten:


 
Die vielen Besucher haben das Schloss Bremgarten wieder verlassen ...

Die vielen Besucher haben das Schloss Bremgarten wieder verlassen ...

fz. Im Schloss Bremgarten sind die Veranstaltungen zum Wassmer-Kreis zu einem nachhaltigen Erlebnis geworden.

Die in der Kirche von Irène Friedli, Mezzosopran, und Dominique Derron (Klavier) bewegend vorgetragenen Hesse-Lieder Othmar Schoecks und Yrjö Kilpinens sind verklungen, das grosse barocke Feuerwerk ist verglüht, die Bilder von vier Generationen in der Orangerie, sind abgehängt, und die vielen Gäste haben den Schlosspark längst verlassen. Wer dabei sein durfte wird jedoch die vier Tage, da Susanne und Walter Bommeli ihr Schloss Bremgarten der Erinnerung an Hermann Hesse und an den Künstlerkreis um den einstigen Besitzer Max Wassmer öffneten, kaum so schnell wieder vergessen. Nicht nur die Referenten, die Rezitierenden und die durch die Geschichte Führenden, sondern auch eine grosse Zahl von Mitwirkenden und Mittragenden des Vereins Pro Bremgarten haben eine einzigartige Atmosphäre der Begegnung geschaffen, zu der dieser einmalige Ort, der Garten wie das Schloss und die Kirche, den idealen Rahmen bot. Trotz ausverkauften Veranstaltungen mit Gästen aus Nah und Fern blieb deshalb jenes freie und doch familiäre Zusammensein im Geiste der Kunst, des Worts wie des Klangs und der Farbe erhalten, das schon damals, als Hesse und seine Freunde hier feierten, seine Wirkung getan hat. Zu hoffen bleibt, dass sich die Hesse-Tage in Bremgarten wiederholen lassen.

 

Meine Gedanken zur Morgenlandfahrt

Christine Widmer-Hesse, Bremgarten

Wegen eines Regiemissverständnisses konnte die Rede von Frau Christine Widmer-Hesse, der Enkelin des Dichters, am Freitagabend nach der Rezitation von Gedichten und Ausschnitten aus der Morgenlandfahrt durch Klaus Hirche nicht mehr abgehalten werden. Hier die Rede im vollen Wortlaut:

Es gibt gewiss viele Interpretationen dieser märchenhaften, wahrscheinlich für viele Zuhörer unwirklichen Erzählung. Ich habe keine einzige dieser germanistischen oder philosophischen Abhandlungen gelesen und möchte hier meine persönlichen Gedanken ausdrücken, die sich auf ganz andere Quellen stützen.


 
Der steinerne Brunnen unter der alten Kastanie

Der steinerne Brunnen unter der alten Kastanie

Ausser der Beschreibung von der Feier in Bremgarten, die ja auch eher surrealistisch ist, bewegt sich die ganze Geschichte sozusagen ausserhalb von Raum und Zeit. Damit will Hesse nach meiner Ansicht klarstellen, dass er eine allgemeingültige, für jeden Menschen aber individuell erlebte Beschreibung einer seelischen Entwicklung darstellen will.

Schon im Titel "Die Morgenlandfahrt" wird ausgedrückt, dass es sich nicht um eine Reise aus einem Reisebüroprospekt handelt. Das Morgen-Land, also das Land von morgen, steht eher für eine Zukunftsvision. Hingegen Morgen als Osten verstanden besagt, dass die Suche nach der Weisheit sich in der Vergangenheit immer nach Osten richtete. Viele Wahrheitssucher reisten und reisen immer noch nach Indien und Tibet, wo weise Männer und Frauen das Uralte überlieferte Wissen über die geistige Welt vermitteln. Wir alle kennen die Überlieferung der "Drei Weisen aus dem Morgenland".

Als ein solcher Weiser entpuppt sich auch der Diener Leo. Mit seiner natürlichen, gefälligen Art ist er allen lieb. Er ist immer hilfsbereit und ein grosser Freund aller Tiere. Man könnte seinen Namen so deuten: L= Licht/Lux, E = Ex, O = Oriente. Lux ex Oriente, das Licht aus dem Osten.

Bei der Feier in Bremgarten erklärt er dem Ich-Erzähler H. in ganz einfachen Worten das Gesetz des Dienens:, "Was lange leben will, das muss dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange. Es gibt nur wenige, die zum Herrschen geboren sind, sie bleiben dabei fröhlich und gesund. Die andern aber, die sich bloss durch Streberei zu Herren gemacht haben, die enden alle im Nichts."

Als der Diener Leo in der Schlucht von Morbio Inferiore plötzlich verschwunden ist, merken die Morgenlandfahrer zum ersten Mal, wie wichtig für die ganze Reise dieser unscheinbare Mann war. Aus nichtigen Gründen beginnen sie zu streiten und laufen zuletzt auseinander. Ihre Unternehmung scheitert. Der Erzähler H. beginnt an diesem Tage an der ganzen Reise, die für ihn vorher trotz Schwierigkeiten und kleinen Enttäuschungen immer das absolut wichtigste in seinem Leben war, zu zweifeln. Er schreibt: "Es schien jetzt alles unzuverlässig und zweifelhaft zu werden, es drohte alles seinen Wert, seinen Sinn zu verlieren. Unsere Kameradschaft, unser Glaube, unser Schwur, unsere Morgenlandfahrt, unser ganzes Leben." Nach diesem Tag wird H.'s Leben düster und sinnlos. Nach Jahrzehnten, als er es nicht mehr aushält in seinem Trübsinn, macht er sich auf die Suche nach Leo und versucht, die Geschichte der Morgenlandfahrt zu schreiben. Er findet Leo endlich, aber dieser erkennt ihn nicht wieder, weil er sich in seiner Verzweiflung verändert hat. Zweifel, Angst und Selbstbedauern wirken zerstörend. Wer sich einmal auf einen geistigen Weg gemacht hat, auf den Weg nach innen, wie Hesse oft sagte, – denn das Morgenland ist in uns selbst innen – der darf an diesem Weg nicht zweifeln, sonst verliert er ihn. Später sieht der Erzähler H. ein, dass das Verschwinden Leos eine Prüfung war, die er nicht bestanden hat. Enttäuscht und traurig geht er in sein Zimmer und schreibt einen langen Brief an Leo. Nachdem ihn Leo anderntags abgeholt und ins Bundesarchiv geführt hat, erkennt H., dass der Bund, man könnte ihn den Bund der Wahrheitssucher oder Gottessucher nennen, immer noch besteht und schon immer bestanden hat. Er selber hat den Bund bei Morbio Inferiore verlassen und hat nachher an dessen Existenz gezweifelt. Nun erlebt er, dass Leo der Oberste der Oberen dieses Bundes ist und ihn, den Selbstankläger H. freispricht und ihn wieder in den Bund aufnimmt. Als Probestück seines Glaubens und Gehorsams muss H. das Bundesarchiv über seine eigene Person befragen.

"Erkenne dich selbst" – ein bekannter Ausspruch auf dem Weg nach innen, dem Weg zu sich selbst. Die Doppelfigur, deren schwächliche, schattenhafte Seite H. darstellt und deren kräftige, lebendige Seite Leo zeigt, ist wohl ein Bild für eine Erklärung des Menschen, wie sie von den alten Meistern des Ostens überliefert wird: Jeder Mensch ist göttlichen Ursprungs und trägt in sich einen göttlichen Funken, auch die Herzflamme genannt. Sie ist unser eigentliches Leben, ewig und unzerstörbar. Unsere Aufgabe und der Sinn unseres Lebens ist es, uns dieser Flamme bewusst zu werden, sie wie ein Licht nach aussen leuchten zu lassen durch unsere Taten, unser Denken und Handeln, durch unser ganzes Sein. In der Stille der Meditation oder im Gebet können wir uns mit dieser Herzflamme verbinden und unser geistiges Ich entwickeln.

Dem gegenüber steht unser kleines, egoistisches Ich, auch EGO genannt, das nichts wissen will von einer höheren geistigen Macht, sondern alle Macht für sich beansprucht. (Ich erinnere an Leos Erklärung vom Gesetz des Dienens. Bei der Feier in Bremgarten erscheinen H. die Dichter als Schatten, ihre Figuren aber sind lebhaft und kräftig.)

In der "Morgenlandfahrt" zeigt Hesse meiner Ansicht nach den Weg des Menschen zu seiner eigenen Göttlichkeit. H. verkörpert das Ego, das eigentlich ein Schatten ist; Leo der Diener, der Höchste im Bund, steht für das geistige ICH BIN oder das Höhere Selbst. Am Schluss löst sich das kleine Ego im Höheren Selbst auf. H. hat den Sinn seiner Reise erreicht, er ist in die göttliche Einheit eingegangen, die Einheit mit allem Leben.